Alfred Andersch desertiert. Fahnenflucht und Literatur (1944-1952)

Alfred Andersch desertiert. Fahnenflucht und Literatur (1944-1952)

Jörg Döring / Felix Römer / Rolf Seubert
Broschur, 288 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783943167986


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Alfred Andersch ist Westdeutschlands berühmtester Deserteur. Sein autobiografischer Bericht „Die Kirschen der Freiheit“ (1952) beschreibt die Umstände seiner Fahnenflucht aus Hitlers Wehrmacht am 6. Juni 1944 in Italien. Aber war er überhaupt ein Deserteur?

Seit in seinem Nachlass ein Text auftauchte, den Andersch schon 1945 im Kriegsgefangenenlager geschrieben hatte und in dem die Gefangennahme gar nicht als Desertion geschildert wird („Amerikaner – Erster Eindruck“), sind Zweifel daran laut geworden, ob Andersch zu Recht in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin als Deserteur geehrt wird.

 

Niemals bislang ist der Versuch unternommen worden, Anderschs Selbstbeschreibung anhand militärhistorischer Quellen zu überprüfen. Das vorliegende Buch versammelt diese Dokumente und erzählt eine in Teilen andere Geschichte: „Die Kirschen der Freiheit“ im Lichte der Akten. Eine Geschichte vom Überleben im Krieg, vom Heldenmut der Kampfesmüden und von den literarischen Verfahren der Selbstkonstruktion eines Autors.


 

Inhaltsverzeichnis:


1. EINLEITUNG: War Alfred Andersch ein Deserteur?
Und warum man das fragen darf

2. Als Radfahrsoldat auf dem Rückzug
Andersch auf dem italienischen Kriegsschauplatz 1944

3. »Ich hatte mich entschlossen, rüber zu gehen«
Anderschs 6. / 7. Juni 1944 im Lichte der Akten

4. »Beim Absetzen zurückgeblieben«
Eine Verlustliste der 3. Kompanie des Luftwaffen-Jäger-Regimentes 39

5. EXKURS: Deserteur oder nicht?
Routinen der Gefangenenbefragung in der 5th US Army

6. Anderschs militärisches Umfeld
Gruppenkultur und Stimmung in der 20. Luftwaffen-Feld-Division

7. Schreibanlassforschung oder Stationen der Autofiktion I
»Amerikaner – Erster Eindruck«

8. Stationen der Autofiktion II
»Flucht in Etrurien« (1950)

9. Stationen der Autofiktion III
»Die Kirschen der Freiheit« (1952) in der Konkurrenz zu Hans Werner Richters »Die Geschlagenen« (1949)

10. Deserteure in der westdeutschen Nachkriegsliteratur

11. Der Diskurs über die Deserteure in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft

12. SCHLUSS: Werk – Autor – Diskurs

Anmerkungen
Quellen- und Literaturverzeichnis
Dank

 

Das große Verdienst dieser Publikation besteht - neben der guten Lesbarkeit! - zum einen in der Auswertung und Darstellung neuer Quellen, zum anderen in der werkstrategischen Einordnung von Anderschs Desertionsnarrativ.

Jochen Schimmang / Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

In einem erstaunlich gut geschriebenen Buch liefern sie eine akribische Rekonstruktion von Anderschs Weg als Radfahrsoldat auf dem italienischen Kriegsschauplatz, Informationen über die keineswegs unwichtige Rolle von Radfahrbataillonen, Bildmaterial, heimliche Abhörprotokolle, Selbstauskünfte und Befragungen. Das ergibt einen sehr plastischen Eindruck vom Kriegsausgang und den Folgen, der ganz unabhängig vom konkreten Anlass zu lesen sich unbedingt lohnt.

Erhard Schütz / ZEIT Online


"Alfred Andersch desertiert" von Jörg Döring, Felix Römer und Rolf Seubert [ist] ein packend geschriebenes Buch. Vom grobschlächtigen Sebald-Pamphletismus ist es Lichtjahre entfernt. Auch dem ansonsten leider oft zu lesenden sperrigen Germanistenjargon wird nicht gefrönt. Die Recherchen werden kompakt, schlüssig und emotionslos präsentiert; die Editierung ist vorzüglich. So interessant kann Germanistik sein.

Lothar Struck / Glanz & Elend. Literatur und Zeitkritik

 

Das Buch liest sich ungemein gut und flüssig, um nicht zu sagen spannend.

Norman Ächtler / literaturkritk.de

 

Von Dichtung und Wahrheit, Erinnerung und Diskurs, Anderschs Biographie und seinem Œuvre handelt auch die Neuerscheinung, um die es hier geht. Allerdings könnte der Kontrast zur früheren Andersch-Kontroverse stärker kaum sein. Denn nachdem diese von Entrüstung, Enttäuschung oder Verteidigung geprägt war, haben die drei Autoren nun eine sachliche, minutiöse Recherche unternommen. Mithilfe deutscher und alliierter Militärakten konzentrieren sie sich auf überprüfbare Fakten, auf deren Kontextualisierung und das historische Verstehen.

Benedikt Wintgens / H-Soz-Kult

 

Indem die Autoren dem Faktualität reklamierenden Selbstbericht hinsichtlich des Mikronarrativs  der Fahnenflucht eine historische Rekonstruktion zur Seite stellen, liefern sie nachgerade ideales Material, um das seit geraumer Zeit große Aufmerksamkeit findende Konzept der Autofiktion zu vertiefen.

Matthias Schöning / Zeitschrift für Germanistik


 


Ein Interview mit Jörg Döring und Rolf Seubert in der Jungle World finden Sie HIER.